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Höhen und Tiefen der Karpaten

(Karpatentour September/Oktober 2014 – Polen)

Inhalt

  1. Das Paradies liegt im Osten
  2. Informationen

Vom Bieszczady-Gebirge hatte ich aufgrund einiger Berichte im Internet und in meinem Wanderführer bestimmte Bilder im Kopf. Bilder von einer einsamen fast unberührten Wildnis tief im Osten Polens an der Grenze zur Ukraine. Von einer Region fast menschenleer, wo neben Bären, Luchsen und Wölfen auch Wisente leben. Wo sich eine Handvoll Aussteiger einer individuellen Lebensweise verschrieben haben. Ob sich diese Bilder bestätigten, werde ich in den nächsten Zeilen verraten.


1. Das Paradies liegt im Osten

Mit ein paar Nüssen und Rosinen im Bach laufe ich weiter in Richtung Wielka Rawka (1307 m). Mir kommen viele Wanderer entgegen, es ist fast wie in der Hohen Tatra. Der Weg führt leicht absteigend in einen Sattel und von dort wieder steil hinauf zum Gipfelkamm. Die Aussicht ist phantastisch. Bis weit in die Ukraine kann ich sehen, glaube sogar den Howerla zu erkennen am dunstigen Horizont. Im Westen ziehen dagegen dunkle Wolken auf, eine Schlechtwetterfront. Ich muss mich beeilen.
Mein Tagesziel ist die Hütte Bacówka PTTK Pod Małą Rawką. Zwischen mir und ihr liegt ein langer und steiler Abstieg vom Gipfel Małą Rawką (1272 m). Über 340 Höhenmeter auf rutschigen Lehmwegen, meine Knie freuen sich.
Die Hütte gefällt mir, ganz aus Holz selbst das Dach ist mit Schindeln gedeckt. Am Ende der Wanderung wurde mir klar, dass alle Berghütten in diesem Stil gebaut wurden.
Ich bestelle eine Suppe (Żurek), ein Bier und frage nach einer Unterkunft. 25 Złoty kostet die Übernachtung, umgerechnet rund 6,50 Euro, das finde ich günstig. Ab 19 Uhr gibt es heißes Wasser zum Duschen, bis 20 Uhr gibt es Abendessen und ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Das Zimmer hat 8 Betten. Ich drücke mich in die Ecke.
Mittlerweile sind immer mehr Wanderer eingetroffen, auch die drei Tschechen, die ich schon in Nová Sedlica gesehen hatte. „Komm zu uns“ ruft einer von ihnen. Sie winken mich zu sich an den Tisch. Iwo, Milan und Petr kommen aus der Nähe von Prag. Iwo arbeitet beim Amt für Abfallwirtschaft, Milan ist Lehrer und Petr im IT-Bereich eines Krankenhauses tätig. Iwo und Milan sprechen ein wenig Deutsch, Petr etwas Englisch. Einmal im Jahr machen die Drei eine gemeinsame Wanderung über mehrere Tage. Wir unterhalten uns übers Wandern, die Karpaten, das Bier und mit jedem Bier wird die Verständigung besser. Alle drei sind der Meinung, das beste Bier wird in Deutschland und Tschechien gebraut und Bier mit dem Strohhalm trinken wie am Nachbartisch geht schon mal gar nicht!
Morgen wollen sie über die Połonina Caryńska zur Hütte Schronisko PTTK Chatka Puchatka. Das ist leider nicht meine Richtung. Die Chatka Puchatka soll eine recht urige Baude sein. „Kein Strom, kein Wasser zum Waschen“ so Milan. „Wie die Chata pod Borišovom in der Veľká Fatra?“ frage ich. Er staunt und nickt, hebt sein Bierglas und sagt: „Das Paradies liegt in Osteuropa!“ Wo er recht hat, hat er recht.
Die Hütte heute ist jedoch alles andere als ein Paradies. Es ist brechend voll, selbst auf den Treppenabsätzen haben es sich die Wanderer zum Schlafen bequem gemacht. Ich bin zwar froh, ein Bett erwischt zu haben, aber an Schlaf ist nicht zu denken, in einem Raum mit drei Schnarchern!

Es hatte geregnet in der Nacht, jetzt liegt Nebel über den Polonina-Kämmen, doch die Morgensonne bricht durch den Schleier und verleiht der Landschaft eine mystische Stimmung. Der Aufstieg zur Połonina Caryńska ist kurz und steil. Bald liegt der Wald hinter mir. Auf dem Kamm bläst ein kalter Wind, Wolkenfetzen jagen von einer Seite auf die andere. Ich folge dem Kamm nach Osten. Die ersten Wanderer kommen mir entgegen. „Dzień dobry, Dzień dobry, Dzień dobry“ es hört nicht auf. Ich der Grüßaugust. 4 ½ Stunden brauche ich bis Ustrzyki Górne, dem Hauptort des Bieszczady-Nationalparks. Wanderungen zu den höchsten Polonina-Bergrücken können von hier unternommen werden. Auch die Nationalparkverwaltung hat hier ihren Sitz. Wenn ich mir so das verschlafene Nest anschaue, wundert es mich, wo die Horden von Wanderern herkommen.
Ursprünglich wollte ich von hier weiter zum Tarnica-Gipfel aufsteigen, doch der Abstieg hat deutlich länger gedauert, als ich dachte und nun fehlt mir ein wenig die Lust, wieder hochzusteigen. Ich beschließe nach Wołosate zu laufen und dort eine Unterkunft zu suchen. Der Haken an der Sache, es geht 6 km über eine Asphaltstraße. Himmelblau leuchtet die Markierung auf dem grauen Straßenbelag, ich folge ihr lustlos.
In Wołosate werden Huzulenpferde gezüchtet, die einzigen „Ukrainer“, die es in der Region noch gibt. Die einstigen ukrainischen Bewohner, Bojken und Lemken, wurden 1947 in der sogenannten „Aktion Weichsel“ zwangsumgesiedelt. Vorausgegangene blutige Konflikte auf beiden Seiten waren eine Ursache.
Die Region wurde weitestgehend entvölkert, nur sehr wenige Einheimische durften bleiben. Was ich nicht verstehe: Warum gab es derartige Probleme in der damaligen Tschechoslowakei nicht? Noch heute leben ethnische Ukrainer im Osten der Slowakei.
Nun, jetzt wirkt die Region keineswegs mehr menschenleer. Am Straßenrand in Wołosate reiht sich Auto an Auto. Zwei Pensionen kann ich ausfindig machen, beide sind ausgebucht. Damit habe ich Ende September wahrlich nicht gerechnet. Etwas verwirrt schultere ich nach einer kurzen Trinkpause meinen Rucksack und setze den Weg fort in Richtung Połonina Bukowska. Mal sehen, wo ich heute Abend schlafen werde.
Ab Wołosate ist die Wegmarkierung wieder ein rotes Band, ein Band, das sich quer durch Europa zieht, denn hier beginnt oder endet der europäische Fernwanderweg E8.
Der Weg folgt einer Grenzstraße. An einem Abzweig, der in Richtung Ukraine führt, lümmeln zwei Grenzwächter neben ihrem Auto und beobachten die Straße. Am Straßenrand verschwindet eine Kreuzotter im Gras. Ab und zu kommen mir andere Wanderer entgegen, so viele wie heute Morgen sind es aber nicht.
Nicht weit vom Przełęcz Bukowska (Bukowska-Sattel) stehe ich wieder auf der Grenze zur Ukraine, rund 8 km (Luftlinie) von dem Punkt entfernt, wo vor 17 Jahren meine Wanderung durch die ukrainischen Waldkarpaten endete. Ein Pole fragt, ob ich den Sonnenuntergang erleben möchte. Bis zum Halicz-Gipfel dauert es noch eine Stunde. Na ja, der Sonnenuntergang ist mir nicht so wichtig, ich brauche einen Biwakplatz. Hier steht zwar ein Picknick-Unterstand, sogar mit Bio-Klo, aber erstens möchte ich nicht auf der Grenze übernachten und zweitens ist es auch noch etwas früh. Ich folge dem Wanderpfad hinauf zum Bergkamm.
Es geht durch hüfthohes Gras, das goldfarben in der Sonne leuchtet. Am Horizont erhebt sich der Tarnica, mit 1346 m der höchste Gipfel des Bieszczady. Noch immer kommen mir vereinzelt Wanderer entgegen, einer führt sogar seine Oma an der Hand über den Kamm. Ich schätze die Frau auf Ende 70! Ich kann mir nicht vorstellen, dass die heute noch vorm Dunkelwerden Wołosate erreichen. Auf dem Halicz sitzt ein junges Pärchen, die nicht so aussehen, als ob sie heute noch weiter wollen. Das Mädchen ist so nett und macht ein Gipfelfoto von mir.
Die Sonne steht schon recht tief über dem Horizont. Leider ist der Boden links und rechts des Pfades dicht mit Gras und Blaubeerkraut bewachsen, kein Platz zum Zelten. Doch endlich um 18 Uhr sehe ich über dem Przełęcz Goprowska (Goprowska-Sattel) ein Picknick-Hüttchen, hier bleibe ich. Sogar eine Quelle ist in der Nähe. Es war ein langer Wandertag und der schönste Abschnitt meiner Bieszczady-Wanderung. Wie damals auf der Tour zum Kriváň bin ich 11 Stunden unterwegs gewesen.

Die Dämmerung am Morgen treibt mich aus dem Schlafsack. Ich hatte kaum ein Auge zu gemacht. Dem Röhrkonzert nach zu urteilen, hatten sich alle Hirsche der Region den Krieg erklärt. Einer fing an, andere antworteten. Anfangs noch leise aus der Ferne, doch je näher sie kamen, umso lauter wurde das Gebrüll, bis es zum Kampf kam. Geweihe krachten aufeinander, Äste knackten. Das ging so bis zum Morgen.
Ich packe meine Sachen und steige hinauf zum Tarnica. Die Sonne ist noch nicht über den Bergen aber vom Gipfel kommt mir ein Typ entgegen mit einem Fahrrad über der Schulter. Ich kann's kaum glauben! Abends spazieren sie mit ihrer Oma über den felsigen Berggrat und morgens tragen sie ihr Fahrrad durchs Gebirge, die spinnen die Polen.
Mit der aufsteigenden Sonne frischt auch der Wind auf, wird stärker und stärker. Bald pfeift es derart über den Kamm, dass es richtig Kraft kostet, sich auf den Beinen zu halten. Ich bin froh, als ich die Waldgrenze erreiche.
Die ersten beiden Wanderer, die mir entgegen kommen, haben nur das Nötigste dabei: 'ne Büchse Bier und Zigaretten.
Ungefähr 3 Stunden und 45 Minuten brauche ich bis Ustrzyki Górne. Nun muss ich mir Gedanken machen, wie es weitergeht. An der Połonina Caryńska führt kein Weg vorbei, jedoch möchte ich nicht den gleichen Weg hinaufsteigen, den ich gestern für den Abstieg genutzt hatte. Die weiteren Schritte lassen sich am besten bei einem Bierchen planen und Hunger hab ich auch.
Im Restaurant Zajazd Pod Caryńską studiere ich bei Borschtsch und Gulaschsuppe meine Wanderkarte. Wenn ich der Straße im Wołosaty-Tal etwa 5 km folge, komme ich nach Bereżki, dort führt ein Wanderweg in den Sattel Przełęcz Przysłup Caryński und zur Hütte „Koliba“. Laut meiner Karte ist es zwar keine Berghütte, aber übernachten kann ich dort auch. Die Dame am Nachbartisch bestätigt das.
Kurz nach 11 Uhr mache ich mich wieder auf den Weg. Kaum liegt der Ort hinter mir, hält ein weißer Transporter. Das nenne ich Glück! In 10 Minuten bin ich in Bereżki. Neue Situation, neue Planung! Mein neues Ziel ist die Berghütte Chatka Puchatka. Ich lasse die Koliba-Hütte links liegen und beginne den Aufstieg zum Kamm der Połonina Caryńska. Der Weg zieht sich über mehrere Stufen nach oben. Je höher ich komme, desto windiger wird es. Auf dem Kamm trifft er mich wieder mit voller Wucht. Immerhin scheint die Sonne und die Sicht ist besser als gestern Morgen. Bewaldete Hügel ziehen sich bis zum Horizont. Parallel im Süden verläuft der Grenzkamm, auf dem ich vor 15 Jahren meine Slowakei-Durchquerung begonnen hatte.
Auch der Abstieg auf der Westseite der Polonina ist steil und rutschig. Gegen 15:30 Uhr bin ich in Brzegi Górne, einem Pass, über den die Straße von Ustrzyki Górne nach Wetlina führt. Nach dem Ort ist auch der nächste Bergrücken benannt, den ich nun erklimme – die Połonina Wetlińska. Ich trinke den letzten Schluck aus meiner Wasserflasche.
So steil wie es abwärtsging geht es auch wieder nach oben, immerhin habe ich immer wieder schöne Ausblicke auf die Umgebung. Nach 1 ½ Stunden kommt die höchstgelegene Hütte der Bieszczady in Sicht. Auf 1228 m liegt die Chatka Puchatka, am Beginn des Kammes der Połonina Wetlińska. So ganz richtig lagen die Tschechen nicht. Strom gibt es immerhin, auch wenn der Aufenthaltsraum für Tagesgäste etwas dunkel wirkt und der Wind durch die Fensterritzen zieht.
Ein Problem ist die Verständigung. Leider spricht keiner Englisch. Ein Slowake vom Hüttenpersonal kann jedoch Italienisch und glaubt damit das Kommunikationsproblem gelöst zu haben. Ich bin nun „Signore turista“ und einem Schwall des italienischen Wortschatzes ausgesetzt. Es wäre besser er würde in seiner Muttersprache kommunizieren, ich würde mehr verstehen!

Der Wind hat sich gelegt, es ist ein schöner Morgen und es scheint auch ein schöner Tag zu werden. Kein Wölkchen trübt den Himmel und außer mir ist keiner auf dem Kamm der Połonina Wetlińska unterwegs. Felsplatten ragen von Zeit zu Zeit aus dem Boden, sodass der Kamm dem Rücken eines Dinosauriers ähnelt.
Erst am Ende des Bergrückens, unterhalb des Smerek-Gipfels kommt mir der erste Wanderer entgegen. Er spricht mich auf Polnisch an. Ich frage ihn, ob er Englisch spricht. „Yes I do“ antwortet er und geht weiter ohne ein Wort zu verlieren. Ich sag's doch – die spinnen!
Der Abstieg ins Wetlinka-Tal ist widerlich. Bis zu den Knöcheln versinke ich manchmal im Schlamm. Mit Wildnis hat das nichts zu tun. Es ist ein von Menschen kaputt gemachter Weg!
Da nützt es nichts im Nationalpark bunte Schildchen aufzustellen, wenn an den Wegen nichts gemacht wird.
Was ich unten im Tal erlebe, hatte ich zum letzten Mal vor 15 Jahren. Ein Typ mit Motorrad fährt auf mich zu, hält, zeigt auf seine Schulterstücke und sagt: „I am border police“. Er will mich kontrollieren. „Hier ist keine Grenze“ antworte ich. „Doch, da drüben“ seine Hand zeigt nach Süden in Richtung Slowakei. Ob der schon in der Gegenwart angekommen ist? Egal, ich zeige meinen Pass. Er blättert lustlos drin rum und reicht ihn mir wieder. Gibt Gas und düst davon. Wichtigtuer!
Ab jetzt geht es das letzte Stück bis zu meinem Tagesziel auf der Straße weiter. Die Jaworzec-Hütte liegt oberhalb des Wetlinka-Baches und erhielt ihren Namen nach dem Dorf Jaworzec. Reste der Siedlung finden sich ein Stück nördlich der Hütte. Zu sehen sind noch ein alter Friedhof, die Reste eines Bauernhauses und ein paar Steine, wo die Kirche stand.
Leider kann ich nicht in Erfahrung bringen, ob das Dorf im Zuge der „Aktion Weichsel“ zerstört oder von den Rebellen der UPA (Ukrainische Aufstandsarmee) plattgemacht wurde.
In der Hütte habe ich die Wahl zwischen einem Einzelzimmer, einem Doppelzimmer bis zu einem Mehrbettzimmer. Aus Angst wieder notorische Schnarcher einquartiert zu bekommen, entscheide ich mich für ein Einzelzimmer für 36 Złoty. Das Zimmerchen hat die Größe einer Hundehütte aber immerhin bin ich allein.
Der Hüttenwirt erklärt mir die Regeln: Ab 18 Uhr gibt es warmes Wasser zum Duschen, heißes Wasser für Tee ist kostenlos und ich darf die Tiere nicht füttern. Hier springen nämlich mehrere Katzen und zwei Hunde rum.
Letzteres ist gar nicht so einfach umzusetzen. Die bestellten Würstchen stehen unter permanenter Beobachtung von einer schwarzen Katze, die neben meinem Teller auf dem Tisch hockt.
Auf der Hütte ist es ruhig, ich bin abseits der Touristenströme angekommen. Na ja nicht ganz, am Nachmittag hat es doch noch zwei Wanderer hierher verschlagen auf einen Teller Suppe, sie kommen aus Thüringen. Es sind die ersten Deutschen Touristen, die ich im Bieszczady treffe und es werden auch die Einzigen sein. Von ihrer Unterkunft in Kalnica sind die beiden heute Morgen auf den Smerek gestiegen und auf dem schwarz markierten Weg vom Sattel Mieczysława Orłowicza, der direkt zur Berghütte führt hierher gewandert. Auch bei ihnen hält sich die Begeisterung für die Schlammpfade in Grenzen. Sie sind froh, dass es zurück nach Kalnica nur noch über Straßen geht. Von ihnen erfahre ich, dass die Busverbindung zwischen den Dörfern im Bieszczady ziemlich schlecht ist, so sollen meist nur Privatbusse auf Anfrage fahren, die Telefonnummern stehen an den Haltestellen. Die Busverbindung nach Sanok, dem Hauptort der Bieszczady stellt dagegen kein Problem dar.
Als es dunkel wird, wird’s romantisch auf der Hütte. Kerzenlicht sorgt für den nötigen Durchblick beim Abendessen.

Dichter Rauch wabert früh über dem Tal, als ich mich auf den Weiterweg begebe. Mein Ziel ist Cisna, ein Dorf im Tal der Solinka. Der Weg nach Cisna ist die Fortsetzung des Wanderweges, den die beiden Thüringer gestern abgestiegen sind. Leider gibt es auf Höhe der Hütte keine Brücke über die Wetlinka, sodass ich einen fünfundvierzigminütigen Umweg in Kauf nehmen muss. Immerhin erfahre ich so, wo der Rauch herkommt. Es ist eine Köhlerei. Da sie etwas versteckt am Waldrand liegt, hatte ich sie gestern nicht bemerkt.
Der Köhler begrüßt mich mit Handschlag und fängt gleich an zu erzählen. Ich verstehe natürlich nichts. Er hält kurz inne und sagt dann: „Grill!“ Ich lache und nicke.
Der Aufstieg zum Czerenina-Berg, der anschließend folgt, ist der schlechteste auf der ganzen Tour! Es geht eine Holzabfuhrpiste hinauf. Der lehmige Boden ist zerfurcht von den Forstfahrzeugen, stellenweise sind die Rinnen fast einen halben Meter tief. Ich rutsche ständig zurück, anstatt vorwärts zu laufen. Der Dreck spritzt bis an die Oberschenkel. Zu allem Übel ärgern mich auch noch unzählige Fliegen der Gattung Lipoptena cervi. Diese Mistviecher, auch Hirschlausfliegen genannt, attackieren meine Nase, die Ohren, Nacken und Arme. Ich bin ständig am Wedeln und Ummichschlagen.
Weiter oben wird es etwas besser und auch der Weg schlängelt sich durch urwaldartige Landschaft. Dafür habe ich ab und zu Orientierungsprobleme, wie kann man auch im Wald eine Wegmarkierung in Schwarz wählen! Nach 4 ¼ Stunden erreiche ich die Straße nach Cisna. Der Ort bekommt eine neue Brücke über die Solinka. Ich laufe erstmal im Kreis und dann zur Hütte Bacówka PTTK Pod Honem. Diesmal nehme ich ein Doppelzimmer. Die Hütte liegt etwas außerhalb des Ortes am Waldrand. Ohne Rucksack kann ich jetzt auf Erkundungstour gehen.
Der erste Weg führt mich zur Bank, meine Finanzen aufzubessern. Anschließend geht’s ins „Siekierezada“, eine Art Kultkneipe für Spießer wie mich, die mal was erleben wollen. Seinen Namen scheint das Lokal von Edward Stachuras gleichnamigen Roman entlehnt zu haben. Mit dem Film „Siekierezada“ (deutsch: „Die Ballade von der Axt“) von Witold Leszczyński wurde sein Werk auch in der DDR bekannt. Dort suchte ein Dichter als Holzfäller in den polnischen Wäldern nach dem Sinn des Lebens.
Ich versuche nun, den Sinn des Lokals zu entschlüsseln. In den langen Holztischen stecken je zwei Holzfällerbeile gegenüberstehend. Was recht martialisch aussieht, hat eine ganz biedere Funktion – es sind Kerzenständer. Die Tischplatte wird von Sprüchen und Kritzeleien wie auf dem Schulklo verziert. Die Speisekarte in robustem Holzverschlag steckend ist mit einer schweren Eisenkette festgemacht. Von den Wänden schauen Teufel und Teufelinnen auf mein Bierglas, aber auch Geweihe, Zeichnungen von Säufern und Ganoven und Revolutionsheld Che beobachten mich aus dem Halbdunkel.
Ab und zu ruft die Bardame etwas in die Gaststube, dann ist irgendein Essen abholbereit. Hört das der Gast nicht gleich, brüllt sie durchs ganze Lokal. Der Laden läuft sehr gut, selbst jetzt Anfang Oktober ist er noch gut besucht. Mit einem Höllenbier für heute Abend verlasse ich das Restaurant. In einem Nebengebäude befindet sich eine Fotogalerie mit sehr schönen Porträt-Aufnahmen in Schwarz-Weiß.
Nicht schwarz-weiß aber grau ist der Himmel auf dem Rückweg zur Hütte und es fängt an zu regnen. Kaum bin ich auf meinem Zimmer, gießt es in Strömen. Mir ist es jetzt egal, morgen werde ich mit dem Bus nach Sanok fahren, mich interessieren die Holzkirchen im San-Tal.

Früh um 9:15 Uhr fährt ein Bus nach Sanok (52 km). Die Verspätung hält sich mit 5 Minuten in Grenzen. Laut meinem Reiseführer soll es von Sanok eine Direktverbindung nach Zakopane geben. Auf dem Schild über Bussteig 1 steht auch groß und fettgedruckt Zakopane. Dumm nur, dass das nicht stimmt! Die Dame hinter dem Fahrkartenschalter weiß es genauer: „Nie!“ Es gibt keinen Bus nach Zakopane!
Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten: Ich kann mit einem Linienbus bis Rzeszów fahren, von dort weiter nach Krakau und von da nach Zakopane. Oder mit einem Privatbus direkt nach Krakau, den muss ich aber vorab telefonisch reservieren. Die dritte Möglichkeit wäre gar nicht nach Zakopane zu fahren sondern von Radoszyce zurück in die Slowakei zu gehen. Da hätte ich mir aber die Fahrt nach Sanok sparen können. Denn von Cisna fuhr heute Morgen ein Bus durchs Osławatal nach Sanok. Ich hätte nur in Radoszyce aussteigen brauchen. Von dort wäre ich über die Grenze nach Palota gewandert und dann mit einem Bus weiter nach Medzilaborce gefahren. Jetzt muss ich mir Gedanken machen, wie es weitergeht.
Erstmal gehe ich in die Stadt, da gibt es bestimmt eine Touristeninformation. Ich finde sie am Marktplatz (Rynek – Ring). Die Dame dort ist sehr hilfsbereit. Sie informiert mich über Unterkünfte in der Stadt, gibt mir einen Stadtplan und reserviert den Direktbus nach Krakau für übermorgen.
Der bedeutendste Gast in Sanok soll Jaroslav Hašeks Romanfigur der brave Soldat Schwejk gewesen sein. So sitzt er auch einladend in Bronze auf einer Bank in der Fußgängerzone „3. Mai“. Ein Stück weiter befindet sich das Hotel Pod Trzema Różami (Zu den drei Rosen). Auch dort soll Schwejk gewesen sein. Also gehe ich da auch hin. 95 Złoty kostet das Zimmer mit Frühstück und auf dem Balkon hängt sogar eine Wäscheleine samt Klammern. Was will man mehr?
Sanoks interessanteste Sehenswürdigkeit ist sein Freilichtmuseum – der Skansen. Es soll das größte Museum seiner Art in Polen sein. 12 Złoty (3 Euro) kostet der Eintritt. Auf dem Gelände sind Dörfer ganzer Bevölkerungsgruppen errichtet worden. Hier stehen auch Häuser und Kirchen der 1947 umgesiedelten Bojken und Lemken. Das Lemkenviertel darf ich nicht besichtigen, dort wird gerade ein Film gedreht. Alles ist abgesperrt. Egal, ich muss nicht auch noch ins polnische Fernsehen.
Dafür komme ich in den Genuss, die Holzkirchen der Bojken zu fotografieren, mehrere stehen etwas abseits im Wald. Die Holzkirchen des San- und Osławatals zu besichtigen erwies sich nach meinen Recherchen in der Touristeninformation als zu umständlich. Insbesondere die unsichere Unterkunftssituation hielt mich letztendlich davon ab.
Im Viertel der Volksgruppen des Karpatenvorlandes kaufe ich mir ein Fläschchen Kwass, ich kannte das Gesöff von meiner Wanderung durch die Waldkarpaten der Ukraine.

Der nächste Tag steht im Zeichen des Nichtstuns. Der Himmel ist grau aber es bleibt trocken. Ich schlendere durch die Straßen von Sanok. Von überall brüllt mich Werbung an, in den grellsten Farben leuchten Schilder und Plakate von den Fassaden der Häuser oder vom Straßenrand – typisch Polen. Vom Stadtparkhügel habe ich leider keine Aussicht auf die Stadt, zu viele Bäume versperren die Sicht. Mittags bestelle ich im Restaurant „Karczma Jadło Karpackie“ Schnitzel und staune nicht schlecht, als ich Bouletten bekomme und die Kellnerin felsenfest behauptet das wären Schnitzel.
Morgen will ich zurück in die Slowakei, die letzte Urlaubswoche hat begonnen. 9:10 Uhr soll der Bus vorm Bahnhof abfahren.

Pünktlich stehe ich am Morgen an der Haltestelle, trample von einem Bein aufs andere und muss mich damit abfinden, dass 15 Minuten Verspätung keinen Weltuntergang bedeuten. Es kommt ein Minibus (Marschrutka). Der Fahrer hakt auf einer Liste meinen Namen ab, ich zahle 34 Złoty (9 Euro) und dann lerne ich die Woiwodschaft Podkarpackie (Karpatenvorland) kennen. Auf engen Landstraßen und durch Dörfer oder Kleinstädte geht es in Richtung Krakau.
In Krakau habe ich nur Zeit für 'ne Pinkelpause dann kommt bereits der Bus nach Zakopane, ein großer bequemer Reisebus. Knapp 2 ½ Stunden sind wir unterwegs. Kurz vor Zakopane, kommt sogar die Sonne raus. Auch in Polens bekanntesten Urlaubsort muss ich nicht lang warten. Ich kaufe noch schnell eine Wurst und ein Brötchen.
Der Bus nach Łysa Polana wartet schon auf der anderen Straßenseite. Um 16 Uhr soll es weiter gehen, sagt der Fahrer, ich soll mich schon reinsetzen. Der Fahrer ist gerissen, will kein Geld bei der Abfahrt, kassiert in Łysa Polana 10 Złoty (2,65 Euro) für die 18 km. Von Krakau nach Zakopane (112 km) hatte ich nur 15 Złoty (4 Euro) gezahlt! Egal, jetzt muss ich nur noch die Straße queren, über die Bialka-Brücke laufen und bin wieder in der Slowakei.

Zweifellos ist das Bieszczady-Gebirge eine wunderschöne Berglandschaft. Eine abgeschiedene und menschenleere Wildnis, wie es oft zu lesen ist, ist es aber nicht. Zumindest der Nationalpark ist touristisch hoch entwickelt. Selbst Ende September pilgerten noch Menschenmassen über die Polonina-Kämme. Auch die oft erwähnten Aussteiger, die hier leben sollen, konnte ich nirgends entdecken, dafür schmucke Wochenendhäuschen gutbetuchter Besitzer.

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