Retezat – 1953. Drei Tage aus einem Tagebuch
von Franz Engelmann
Nachstehende Aufzeichnungen unseres verstorbenen Mitarbeiters Franz Engelmann (1920 – 1984) hat Horst Engelmann dem publizistischen Nachlass seines Vaters entnommen und der Redaktion zur Verfügung gestellt.
Ein wolkenverhangenes Morgengrauen liegt über dem Tal, als ich fünf Uhr morgens Gura
Zlata verlasse. Im Wald geht’s auf gut markiertem Pfad aufwärts. Bald verliert sich die
Markierung in Wildbrüchen und öden steinigen Wiesen, um von Zeit zu Zeit wieder zu
erscheinen. Die Wolken machten mir keine Sorgen, denn sie lagen ziemlich hoch, und öfter
als einmal brach die Sonne mit breiten Strahlenbündeln durch. Weite Sicht öffnete sich auf
die wild zerrissene Kalkkette im Süden und weit über der Borăscuplatte zum Godeanu, und
über dem breiten Stutensattel lag düster der ferne Ţarcu.
Allmählich aber wurde die Sache unangenehm: mächtige Wolkenheere zogen unheimlich
schnell ihre Vorhänge über die Stănuleţi, deren vor wenigen Minuten noch weiß leuchtende
Wände nun in drohendem Schwarz herüberstarrten. Der Ţarcu war verschwunden, und
ruckartig war auch die Pietrii-Spitze verhüllt. Als ich endlich die Zănoaga-Hochfläche
erreichte, wehte es eisig kalt auch von Norden her über den Hauptkamm herab. Es war, als
hätten alle Wetter gerade auf diesem Flecken ein Stelldichein.
Die Markierung verlassend, schritt ich geradewegs auf die Sattelhöhe zu. Tief unten lag der
kreisrunde Zănoagasee und glänzte noch freundlich im heranziehenden Aufruhr der
Elemente, dessen erstes Wetterleuchten soeben die ferne, schwarzdüstere Spitze des
Judele umflackerte. Jetzt tat Eile wirklich Not, und ich stürmte auf dem wiedergefundenen
Weg im Laufschritt los. Zu spät: millimeterdicht rauschte der Regen herab, und in wehenden
Wolkenfetzen verschwand alles, was bisher noch Wegmarkierung hieß. Da gab es nur eine
Möglichkeit: hinunter zum See! In einer Viertelstunde war er erreicht. Nass bis auf die Haut
eilte ich an den kläglichen Ruinen der alten Jägerhütte vorbei zur Sennhütte, die sich
ängstlich an einen großen Felsblock kuschelte. Endlich geborgen! Zwar pfiff es eisig durch
die notdürftig mit Moos verstopften Fugen, und durch das Dach tropfelte es eintönig, aber
doch fühlte man sich neben dem flackernden Feuer geradezu im Himmel. Bald dampfte der
Kessel über dem Feuer, und eine Tasse heißer Milch weckte die Lebensgeister.
Natürlich galt meine erste Frage dem Weg zum Bucurasee. Unmöglich, lautete die
kategorische Antwort eines Hirten, und ich musste ihm wohl Recht geben. Vielleicht später...
Es war kaum zehn Uhr. Aber Stunde um Stunde verging, und das Wetter wütete mehr und
mehr. Abend! Also musste ich wohl oder übel hier übernachten.
Nach einer durchzitterten Nacht kroch zaghaft die Dämmerung heran, und jetzt sah ich, was
ich gefürchtet und doch nicht geglaubt hatte: Schnee! Der unvermindert tobende Sturm
wirbelte schneidende Eisnadeln auf. Die Hirten beschworen mich, stellten mir den sicheren
Tod vor Augen, falls ich den Weg zum Bucurasee wagen sollte, aber blieb mir eine andere
Möglichkeit? In der Butahütte warteten die Kameraden auf mich...
Und da die drei nun sahen, dass mein Entschluss feststand, sagten sie nichts mehr. Ein
Händedruck von rauen schwieligen Männerfäusten war alles, was sie mir mitgeben konnten.
Und dann verschwanden Hütte und See in der heulenden weißen Hölle. Der Sturm war mein
einziger Wegweiser. Der kam von Osten, und dort lag irgendwo, jenseits der steilen
Sattelhöhe zwischen Judele und Slăveiu, der Bucurasee. Kein Weg, keine Markierung. Bis
über die Knöchel schon reichte der Schnee; angeschwollene Bäche stürzten zu Tal, und ihr
Donnern begleitete das Heulen des Sturms.
Plötzlich: schwarz glotzt es durch den weißen Totentanz der Flocken – Wasser. „Tăul urât“ –
ja, heute verdient er seinen Namen. Und doch ist er mir ein freudiges Zeichen: ich habe die
Richtung – trotz allem. Etwas weiter nach Osten, dann etwas nach Norden, dort muss der
Sattel liegen. Doch wo ist Osten, wo Norden? Der Sturm hatte sich gelegt, und so hatte ich
meinen letzten Wegweiser verloren.
Da! Fast jubelte ich – frische Fußspuren im Schnee. War’s ein Hirte, ein Förster, ein verirrter
Tourist wie ich? Stolpernd folgte ich in jagender Eile den verheißenden Fußstapfen und
stand bald... wieder am See! Enttäuscht blieb ich stehen, hob den Fuß und prüfte müde die
Nagelung meiner Schuhe, die Eindrücke im Schnee. Ich war meiner eigenen Spur gefolgt.
Also wieder weiter, in eine andere Richtung, bis ich wieder auf Spuren stoße. Nochmal war
ich im Kreis gegangen... Der Nebel kroch bald dahin, bald dorthin, und aus den
Schneeflocken war Regen geworden.
Da lichten sich die Nebel ein bisschen, und ich erkenne drüben die Slăveiukette; dahinter
muss das Lăpuşnictal liegen. Wie, wenn ich die Abkürzung versuchen würde? Höher und
höher klettere ich über die von Schmelzwasser überrieselten Steilwände, bis die erstarrten
Hände keinen Halt mehr finden an den senkrecht emporschießenden Felsen.
Wieder zurück, wieder vorbei am Tăul urât. Der kurze Lichtblick ist vorbei, bleiern lagert der
Nebel über der Geröllhalde, durchzogen von endlos rieselnden Regenschnüren. Noch
einmal versuche ich die Sattelhöhe zu erzwingen. Doch es ist zwecklos! Die Richtung ist zu
finden, und nach mühevollen Klettereien stehe ich endlich vor einem kleinen kreisrunden
See, den ich nach der Karte erkenne: „Lacul Judele“. Steil steigt drüben eine Geröllrinne an
zu dem kühnsten Gipfel des Zentralmassivs, und jenseits des zackigen Grates stürzen
senkrechte Wände ab.
Eine Möglichkeit bleibt noch: der Judelebach, der fadendünn aus dem See zu Tal eilt,
mündet irgendwo in den Lăpuşnic. Ihm folgend, muss ich irgendwann zur Butahütte
kommen. Irgendwann – ob heute noch? – die Frage wage ich mir nicht zu stellen. Der
Talkessel ist eng, versperrt den Lauf des Baches, das Wasser versickert in moorigen
Wiesen, und lauernd starren schwarze Sumpfaugen ringsum. Ausweichen? Ach was, es ist
ja schon alles schnuppe! Nur vorwärts, nur weiter! Bis zu den Knien versinke ich im
schwarzen Schlamm, reiße mich wieder hoch, taumele die steile Talschwelle hinab und
erreiche endlich die Latschenregion.
Das fadendünne Bächlein war durch hundertfachen Zustrom von Regen und Schmelzwasser
zum donnernden Bach geworden, und lehmiggelb schoss das Wasser dahin. Da setzten
senkrechte Felsen und unentwirrbare Latschen dem Weiterkommen ein Ende, ich musste
das Letzte wagen: hindurch durch den rasenden Bach, denn drüben boten sich noch
Möglichkeiten.
Heulend bäumten sich die Wellen auf, schossen über Schultern, Rucksack und Kopf... Ich
verlor den Halt. Sekundenschnell riss es mich mit. Da findet die rechte Halt an einem
Felsenkamm des Grundes, und die Linke erhaschte einen Latschenast des rettenden Ufers.
Noch einmal musste ich durch den Bach, um dann stolpernd und wankend den Hochwald zu
erreichen.
Als ich durch die Tannen und den weichenden Nebel endlich die grauen Steilwände des
Borăscu erblickte, da kroch höhnisch die Dämmerung das Tal herauf und setzte dem
einsamen Wanderer ein stilles, entscheidendes Halt entgegen. Als wollte der Zufall nun
wenigstens etwas gutmachen für die Qualen des Tages, so fand ich unter einem Felsen eine
Höhlung, in die sich ein Mensch hineinkuscheln konnte. Der letzte Vorrat war zu einer
schleimigen Masse geworden, gegen die sich mein Magen verzweifelt sträubte. Schließlich
siegte doch die übermenschliche Müdigkeit, und zitternd und hungrig schlief ich ein.
Langsam wichen die Morgennebel der aufgehenden Sonne, und ein strahlend schöner Tag
brach an. Nun hieß es, den kürzesten Weg zu finden. Folgte ich weiter dem Bach, so musste
ich ungefähr bei der Lunca Rotunda rauskommen und hatte dann noch einen endlosen Weg
bis zur Buta. Nein, das machen wir nicht! Also kämpfte ich mich durch Wald und Latschen
empor bis zu den breiten Almwiesen des Slăveiu und hatte endlich wieder Luft und Licht. Viel
weiter war ich abgeirrt, als gedacht: Peleaga, Bucura und Judele versteckten sich irgendwo
weit hinter der Slăveiukette, dafür lagen Godeanu und Stănuleţi scheinbar nahe.
Die Sonne trocknete bald die nassen Klamotten und die Heidelbeeren und Himbeeren der
Wildbrüche stillten, mehr schlecht als recht, den Hunger.
Durch pfadlose Latschen und strebenden Wald erzwang ich mir den Abstieg, und als die
Sonne im Mittag stand, rauschte endlich zu meiner Rechten der angeschwollene Lăpuşnic.
Freilich, der Weg lag am jenseitigen Ufer, doch irgendwie werde ich mich schon bis zum
Bucuratal durchschlagen, und dort muss er auch jetzt zu überschreiten sein.
Etwa zwei Stunden kämpfte ich mit Wald, Sumpf und Felsgewirr, doch dann schossen die
Felsen senkrecht in die Höhe. Ein gewaltiger Wasserfall stürzte ohrenbetäubend herab und
mit dem Weitergehen war’s zu Ende. So musste ich wieder durchs Wasser. Einen Blick noch
auf die wildschöne Landschaft ringsum und dann hinein in den Hexenkessel. Mit harter Mühe
erreichte ich das jenseitige Ufer und bin wieder nass bis über die Ohren.
Ein Glück, dass ich jetzt den Weg hatte, denn es ging mit meinen Kräften zu Ende. Die Knie
brannten wie glühende Kohlen, die Beine, wundgescheuert vom brettsteifen Ripssamt der
Hose, schmerzten rasend bei jedem Schritt. Mit zusammengebissenen Zähnen nahm ich
mühsam die letzte Talschwelle, endlich weitete sich zur Linken das Bucuratal, und wie ein
Stern der Hoffnung leuchtete das rote Kreuz auf weißem Grund: Nach mehr als
achtundvierzigstündigem Herumirren wieder die Wegmarke!
Mühsam geht’s die steilen Serpentinen hinan, von der Sattelhöhe noch ein langer Blick auf
die im Abendgold versinkende Bergwelt, dann ein müder Abstieg, bis endlich Lachen und
Singen die Nähe von Menschen verkünden.
Die Kameraden hatten nicht länger warten können und waren zur Pietrele weitergezogen.
Einige Schnitten Brot vom Hüttenwart stillten notdürftig den Hunger, und dann kam endlich
ein richtiger Schlaf in warmen Decken nach drei durchzitterten Tagen.
(Verlag Neuer Weg, Bukarest - Komm Mit 88, S. 181 – 184)