von Helmut Neumann (Güstrow)
Die Schlammvulkane von Berca hatten wir für einen Besuch schon lange eingeplant. Endlich
war es soweit! Auf einem Landweg fahrend, versuchte jeder von uns als erster sichere
Zeichen des „Vulkangebietes“ zu entdecken. Plötzlich tauchte vor uns eine weitläufige
vegetationslose Erhebung auf. Alle hatten zugleich den richtigen Gedanken. Die Stelle war
gefunden. Wir näherten uns, vorsichtig den Boden mit den Füßen abtastend, einer größeren
Anzahl von bis zu zwei Meter hohen Kegeln. Aus einigen sprudelten in Intervallen mit
glucksenden und zischenden Lauten Schlammfontänen, in anderen kochte in großen Blasen
eine schlammige Flüssigkeit. Die sinkende Sonne ließ die Vulkanlandschaft in
unvergesslichen Farbtönen erscheinen. Wir waren tief beeindruckt.
Der anbrechende Abend mahnte, das Zelt aufzubauen. Eine Wiese in der Nähe war der
geeignete Platz dazu. Ein plötzliches Motorbrummen ließ uns aufblicken. Eine rumänische
Familie entstieg dem Fahrzeug, und wir entnahmen ihren Worten, dass sie neben uns
campen wollen. Das war uns nur recht. Nach einem ausgiebigen Abendessen gingen wir
aufeinander zu und es entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung in einem fürchterlichen
Kauderwelsch. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass beide Seiten den Sinn des
Gesprochenen verstanden. Wir unterhielten uns prächtig. Gegen Mitternacht gab es noch
einen frisch gebrühten würzigen Tee. Als wir die Tassen an die Lippen führten, schauten wir
uns plötzlich gegenseitig an. Das immer stärker werdende Geräusch eines Fuhrwerks hallte
durch die stockfinstere Nacht. Wir starrten alle in die Richtung des etwa dreißig Schritte
entfernt liegenden steinigen Weges, konnten aber nichts entdecken. Das Knarren, Holpern
und Getrappel wurde wieder leiser – das Gefährt entfernte sich. Einer der beiden
halbwüchsigen Söhne unserer Freunde sagte etwas. Wir konnten nur das Wort „Gespenst“
verstehen. Das passte irgendwie zu dieser Situation. Und alle lachten schallend.
In der Ferne blubberten „unsere“ Schlammvulkane ihr schaurig-schönes Lied. Wir
verkrochen uns tief in den Schlafsäcken.
*
Zum ersten Mal tauchte rechts neben der Straße, von kräftigem Grün beiderseits begrenzt,
der Arieş-Fluss auf. Welch herrliche Landschaft! Der Arieş hatte hier nur etwa zwei Meter
Breite. Einige aus Fichtenholzstämmen zusammengefügte Bänke und ein Tisch luden zum
Verweilen ein. Man muss hier unbedingt anhalten. Jenseits der seichten Stelle des Flusses
erhob sich der Berghang mit jungen Fichtenpflanzungen, während auf der anderen Seite
hohe Fichten in kleinen Gruppen standen. An den Hängen grasten vereinzelt Pferde.
Menschen waren nicht zu sehen. Wir erfrischten uns an glasklarem und kühlem Wasser und
fuhren dann weiter. Das Tal verengte und erweiterte sich abwechselnd. Der Fluss wurde
immer breiter und stürzte sich stellenweise in kleinen Kaskaden talabwärts. Sehr schmale
Holzbrücken überspannten ihn.
Es wurde Zeit zur Mittagsrast. Bei einer Wiese machten wir halt, entzündeten den
Spirituskocher und bereiteten die Mahlzeit vor. Von den schmalen Feldern der Anhöhe
waren Stimmen zu hören. Zwei Frauen und ein älterer Mann traten durch dichte Maisstauden
auf die Wiese, erblickten uns, lächelten freundlich und grüßten. Sie trugen Hacken, einen
bauchigen, schön bemalten Tonkrug und ein kleines Bündel. Der Mann entfachte ein Feuer,
spießte Speckstücke auf und hielt sie über die Flamme. Der gebratene Speck verbreitete
einen herrlichen Duft. Eine der Frauen lud uns ein, vom Speck und dem selbstgebackenen,
wohlschmeckenden Brot zu kosten. Aus der Flasche konnte nur meine Frau einen Schluck
riskieren, für mich als Kraftfahrer war der Genuss des hochprozentigen Getränkes verboten.
Nach dem Essen verschwand der Mann und kam nach kurzer Zeit mit reifen
Sommerpflaumen wieder, die er uns mit freundlicher Geste anbot.
*
Das kunstvoll geschnitzte, mächtige Holztor – eines der drei Eingangstore in die Maramureş
– hatten wir schon am Vortag passiert. In Vama durften wir die Fertigung von Keramikkrügen
beobachten und hatten darauf auch dem in ganz Europa bekannten „Heiteren Friedhof“ von
Săpânţa einen Besuch abgestattet. Nun fuhren wir in die Ortschaft Vadu Izei ein. Man muss
hier unbedingt die Fahrt unterbrechen und die prächtig geschnitzten Holztore bewundern. Es
sollen die schönsten Tore der gesamten Maramureş sein.
Die Holzkirche von Rozavlea entdeckten wir bereits vor Erreichen des Ortes. Wir fanden sie
verschlossen. Eine ausgelassen Schar Mädchen beobachtete uns freundlich. Sie plapperten
laut und kicherten. Eine von ihnen – es war wohl das hübscheste Mädchen der Gruppe –
kam auf uns zu, zeigte auf die verschlossene Tür, redete auf uns ein und lief dann eilig
davon. Wir begriffen die Gesten und Worte erst als die Kleine nach kurzer Zeit mit einem
großen Schlüssel zurückkehrte und die Kirchentür aufschloss. Wir waren von dieser
Hilfsbereitschaft überrascht. Das Mädchen führte uns mit großem Eifer durch die Kirche und
bestand darauf, dass wir schließlich auch den Kirchturm bestiegen. Ein herrlicher Ausblick
auf das „Holzdorf“ bot sich uns. Als die Kirche wieder verschlossen war und wir uns
umdrehten, war die nette Führerin plötzlich verschwunden und kam auch nicht mehr zurück.
Wir waren etwas traurig, weil wir uns gerne bedankt hätten.
(Verlag Neuer Weg, Bukarest - Komm Mit 87, S. 223 – 228)
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224 – 225 | Öd, aber beeindruckend: die Vulkanlandschaft. |
226 | In großen Blasen kocht... |
227 | ...die schlammige Flüssigkeit. |
228 | Kegelförmig erheben sich die Schlammvulkane. |