Eine Ski-Woche im Retezat-Gebirge
von Meta Josef
Ein verhangener Himmel, aus dem es unaufhörlich nieselt, empfängt uns in Ohaba de sub
Piatră, als wir im Morgengrauen den Zug verlassen. Kein freundlicher Empfang für Urlauber,
die eine Skiwoche im Retezat verbringen wollen. Wenn dieses Wetter die ganze Zeit
andauert... Schweigend schultern wir die schweren Rucksäcke und Skier und stapfen dem
Dorfende zu. Hunde schlagen an, ihr Gekläff wird nur vom Rattern eines Lastkraftwagens
übertönt, dessen Fahrer sich unserer erbarmt und bis Cârnic, dem Ausgangspunkt unseres
Ausflugs, mitnimmt.
Hier steigt unser Stimmungsbarometer. Der Regen hat sich in Schnee verwandelt und eine
makellos weiße Decke liegt über der Landschaft. Auf einer Forststraße, entlang einem
munter über vereiste Felsblöcke plätschernden Gebirgsbach beginnt der Aufstieg. Die
Rucksäcke drücken und zerren, denn außer Verpflegung für eine Woche schleppen wir auch
Skistiefel, warme Reservekleidung, Schlafsäcke und selbstverständlich die Fotoausrüstung
mit. Wir wollten unser Lager in der unbewirteten Genţiana-Hütte aufschlagen.
Um leichter voranzukommen, versuchen wir, mit den Skiern einen Schlitten zu bauen und
das Gepäck darauf zu befestigen. Alle Versuche jedoch misslingen. Schwer bepackt steigen
wir keuchend bergan, ab und zu kurze Verschnaufpausen einschaltend. Während des letzten
Aufstiegs durch den Wald zur Pietrele-Hütte dringen die ersten Sonnenstrahlen zwischen
den Wolken hervor, und bald darauf zeigen sich auch die weißen Bergspitzen. Als wir dann
die tief verschneite Pietrele-Hütte erreichen, sind wir von ihrem Anblick und den umliegenden
Häuschen mit den hohen Schneemützen so entzückt, dass wir unseren ursprünglichen Plan
aufgeben und hier bleiben. Nur drei unserer Bergfreunde steigen weiter hinauf, ins
Bucura-Tal, um dort ihr Zelt aufzuschlagen, ein Gedanke, der uns überhaupt nicht mehr zusagt. Sie
haben übrigens dort oben, in 2000 m Höhe, jämmerlich gefroren, obwohl sie eine
Schneemauer als Windschutz ums Zelt bauten.
Wir acht, im Alter zwischen 25 und 75 Jahren, richten uns nun in der „Pietrele“-Hütte
häuslich ein. Die „jüngeren“ spalten die dicken Holzklötze (sie müssen zuerst aus dem
Schnee ausgebuddelt werden), die anderen stapeln das Kleinholz im Zimmer neben dem
Kachelofen zum Trocknen. So kann man leicht den Raum heizen, ohne vorher alles
einzuräuchern. Dann nehmen wir das blendend weiße „Badezimmer“ mit fließendem Wasser
in Anspruch; nur muss man acht geben, nicht ins Eisloch zu rutschen, um im Bach ein
Vollbad zu nehmen. Unterkünfte im Hochgebirge sind nun einmal keine bequemen Hotels.
Man muss oftmals auf die verschiedensten Annehmlichkeiten verzichten, wird aber dafür von
der herrlichen Natur vollauf entschädigt.
Kein Wölkchen trübt am nächsten Morgen den Himmel; dunkelblau wölbt er sich über
leuchtend weiße Bergspitzen. Durch den tief verschneiten Tannenwald spuren wir – die Skier
noch auf den Schultern und eine Tagesration im Essbeutel – das Stânişoara-Tal aufwärts.
Herrliche Gebilde aus Schnee und Eis begegnen uns, Sonnenstrahlen dringen durchs Geäst
und werfen bizarre Schattenbilder auf funkelnde Schneekristalle.
Nach einer Stunde liegt die Waldgrenze hinter uns. Hier, wo sich der Weg im Sommer durch
ausgedehntes Latschendickicht windet, ist alles von einer unübersichtlichen Schneedecke
bedeckt. Die ältere Generation schnallt Skier mit Steigfellen an, um von Terrasse zu
Terrasse leichter vorwärtszukommen; die anderen versinken oft bis zum Bauch im Schnee.
Herrlich diese unberührten, glitzernden Schneefelder vor uns! Vor allem die leuchtende
Bucura-Spitze, die das Tal abschließt, zieht immer wieder den Blick auf sich. Immer näher
kommen wir an sie heran, an Schneeverwehungen und elegant geformten Wächten vorbei,
mitten über den Stânişoara-See, der nur durch seine vereiste spiegelblanke Fläche zu
erkennen ist. Unterhalb der Bucura machen wir auf einem schneefreien Felsblock halt; die
einen wechseln die Schuhe, rüsten sich zum Skifahren, die anderen schnallen Steigeisen an,
um die lockende Rezezat-Spitze zu erklimmen.
Skier und Skischuhe lassen wir zurück. Mit Skistöcken, statt Pickel, mühen wir uns an einer
Felsnase hinauf zum Hauptgrat, der Bucura- und Retezat-Spitze miteinander verbindet. Auf
diesem Kammweg geht es dann verhältnismäßig leicht aufwärts zum 2425 m hohen Gipfel.
Doch kaum stehen wir auf seiner Spitze, steigt aus den Tälern Nebel auf und verhindert jede
Sicht. Eiligst machen wir uns auf den Rückweg, denn ein heftiger Wind beginnt den Schnee
leicht aufzuwirbeln und entwickelt sich zu einem regelrechten Schneesturm. Nur mit Mühe
finden wir unsere Skier und Skistiefel und kommen uns fast wie Himalaja-Gipfelbezwinger
vor, die ein Hochlager erreichen, besonders, als wir in den Schuhen Schokolade und Äpfel
finden, welche uns unsere Freunde zurückgelassen haben, bevor sie zur Hütte abfuhren.
Rasch werden die Schneebretter angeschnallt und in einer Pause zwischen zwei
Wirbelwinden sausen wir los, hinein in das blendende Weiß, in dem keine Bodenerhebung,
kein Unterschied zwischen Himmel und Erde auszumachen ist. Gefahren lauern nicht auf
uns, denn im Tal gibt es keine Abstürze, nur merkt man nie genau, geht es bergauf oder
bergab. Plötzlich bleibt einem die Luft einfach weg. Mit zunehmender Geschwindigkeit saust
man einen Steilhang hinab, will abbremsen, dann ein Ruck und unerwartet wird die rasante
Fahrt gestoppt: Kopf voran landet man im Schnee – ein Gegenhang wurde nicht rechtzeitig
erkannt.
Im Wald ist die Sicht bedeutend besser – der Wind nicht mehr so heftig. Die Abfahrt jedoch
der reinste Slalomlauf. Beängstigend nähern sich einem die Tannen. Oft bleibt einem nichts
anderes übrig als zu bremsen und den Baum zu umarmen. Ein weißer Schneemantel breitet
sich über einen.
Eine köstlich warme Suppe erwartet uns in der Hütte. Wir langen tüchtig zu. Entspannt sitzen
wir in dem gemütlichen Zimmer im Schein der Petroleumlampe und schmieden Pläne für den
nächsten Tag. Im Ofen knistert das Tannenholz. Draußen heult der Wind und rüttelt an den
Fensterläden. Was werden wohl unsere Freunde im Zelt machen? Besorgnis breitet sich
aus. Plötzlich ruft jemand: „Sterne am Himmel!“ Wir stürzen hinaus – die Wolken sind
tatsächlich wie weggefegt. Die Bergspitzen funkeln silbrig im Licht der Sterne. Vor dem
Schlafengehen wird eiligst Proviant für den nächsten Tag in einen Rucksack gepackt, denn
schon frühmorgens soll zu einer größeren Tour gestartet werden.
Schatten liegen über den Tälern, als wir das Pietrele-Tal aufwärts steigen. Nur die Bucura
leuchtet rot im ersten Morgenlicht.
Beim „Bordul Tomii“, einem mächtigen Steinblock auf 1915 m Höhe, verlassen wir das
Pietrele-Tal und spuren nach links, hinauf zum Pietrele-Sattel. Überwältigend die sich von
hier bietende Aussicht: Im Westen erhebt sich wie eine Pyramide die Retezat-Spitze. Elegant
schwingt sich „unser“ Grat von ihr zur Bucura, dahinter gucken sogar der Judele und Slăveiul
hervor. Im Osten, über die riesigen Wächten hinab ins Tal, zeigt sich die „Valea Rea“ ganz
neuartig: wo sich im Sommer immense Geröllhalden bis zu den Gipfeln hinziehen, liegt jetzt
ein ebenes, weiß glitzerndes Schneefeld, über das mit Skiern hinabzusausen, einem
Höhenflug gleichkommt.
Aber auch diesmal lassen wir die Skier im Pietrele-Sattel zurück und beginnen von hier aus
den Aufstieg zur Peleaga (2509 m), dem höchsten Gipfel des Retezat-Gebirges.
Am felsigen Grat entlang, vorsichtig die Wächten meidend, steigen wir immer höher hinauf.
Mit jedem Schritt erobern wir uns immer mehr von dieser Traumwelt aus Sonne, Fels und
Pulverschnee. Weit reicht der Blick über Täler und Gipfel. Die vielen Seen, die diesem
Gebirge seinen Zauber verleihen, schlafen unter einer dicken Eis- und Schneedecke.
Die Sonne brennt unbarmherzig, kein Lüftchen weht. Aus vollem genießen wir diese
einmalige Stunde auf dem Gipfel. Solche Momente gehören zu den schönsten
Bergerlebnissen. Ein jeder empfindet das Losgelöstsein vom rastlosen Alltag wie ein
Geschenk.
Die Zeit reicht, um am Nordostpfeiler die Peleaga hinabzusteigen, vorbei an schwarzen Felsnadeln und den bekannten Peleagazacken (Colţii Pelegii), die sich scharf, wie Türme und Zinnen einer mittelalterlichen Burg, vom dunkelblauen Himmel abzeichnen. Aus dem Peleaga-Sattel geht es wieder bergauf, zur Păpuşa-Spitze (2500 m), worauf der schwierigste Teil der ganzen Tour folgt, der Abstieg auf dem steilen Grat, entlang der nördlichen Abstürze, den „Porţile Închise“ zu. Im gleitenden Pulverschnee finden die Füße kaum Halt, nur Felskanten mit festen Griffen geben Sicherheit. Jeder Schritt muss vorsichtig und wohlüberlegt getan werden. Erst als wir diesen Grat und die „Spălătura“ (einen etwa 10 m hohen Felsabstieg) hinter uns haben, atmen wir erleichtert auf. Gemessen an diesem schwierigen Abschnitt ist der Weg über den „Vârful Capul Văii Rele“ und weiter zum Galeş-Sattel einem leichten Spaziergang ähnlich. Quer durch die Valea Rea gelangen wir schließlich wieder zum Pietrecele-Sattel, wo unsere Skier auf uns warten. Die nun folgende Abfahrt ist die Krönung dieses unvergesslichen Tages: Es ist ein schwereloses Dahinfliegen, in allen Varianten schwingt, wedelt oder saust man in Schussfahrt über die weiten, unberührten Hänge, immer weiter hinunter und ist enttäuscht, dass diese Traumfahrt so schnell zu Ende geht.
Dieser einmalige Winterausflug ins Retezat-Gebirge veranlasste uns, im Frühling
wiederzukommen. Unten in den Tälern grünte und blühte es, übervolle Bäche stürzten
tosend und brausend zu Tal, froh, dem Winter oben in den Bergen zu entfliehen. Die Seen
waren zum Teil noch vereist, andere traten weit über ihre Ufer hinaus. Der Winter war im
Rückzug, die ersten Alpenglöckchen und Krokusse reckten ihre Kelche empor. Überall
breiteten sich grüne Matten aus, Bergblumen entfalteten sich in üppiger Pracht. Wir
wanderten über rote Teppiche voller Zwergprimeln, entzückt von den wunderschönen
Anemonen und den dunkelblauen Blütenkelchen des Enzians. Jeden Tag erlebten wir das
Frühlingwerden, wie das Grün immer höher stieg und die weißen Flecken verdrängt. Leider
war das Wetter nicht so beständig wie im Winter. Regenschauer überraschten uns des
Öfteren um die Mittagszeit.
So verwandelte sich unsere Wanderung über die Peleaga, Păpuşa, Porţile Închise bis zum
Vârful Mare zu einer regelrechten Nebeltour. Nur hin und wieder lichtete sich der
Wolkenvorhang, gab die Sicht frei auf diese großartige Landschaftsbühne.
Erst als wir zum Galeş-See abstiegen, schien die Sonne wieder aus einem tiefblauen
Himmel, silbern glänzte der See, und auf einem Felsblock leuchteten wie eine Krone die
ersten Alpenrosen.
(Verlag Neuer Weg, Bukarest - Komm Mit 83, S. 24 – 31)
Seite | Bildunterschrift |
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24 | Rast im Stânişoara-Tal. |
26 | Beschwerlicher Aufstieg aus dem Petricele-Sattel zur Peleaga. |
27 | Wer das blendend weiße „Badezimmer“ mit fließendem Wasser benützt, muss acht geben, nicht ins Eisloch zu rutschen. Ein Vollbad im eiskalten Bach dürfte bei diesen Temperaturen nicht gerade erfrischend sein. |
29 | Herrliche Bergwelt des Retezat: Am Tăul Porţii. |
31 | Verschneite Pietrele-Hütte. Willkommenes Logis für Wintersportler, die keine großen Ansprüche stellen. |